Jochen Gerz: THE WALK - Keine Retrospektive. Fazit und Ausblick

Sonntag, 5. Mai 2019, 15 Uhr: Finissage und Buchpräsentation im Lehmbruck Museum Duisburg

Die Dauer der Installation THE WALK von Jochen Gerz am Lehmbruck Museum neigt sich dem Ende zu. Bald werden die roten Buchstaben, die die Fenster des Museums in ein riesiges Buch verwandelt haben, und der Steg, der durch den Text um das Museum herumführt, wieder abgebaut. Am 5. Mai um 15 Uhr laden Künstler und Museum zur Finissage ein. Sie präsentieren die gerade erschienene Publikation, die den künstlerischen Prozess und seine zahlreichen Autoren – die Beiträge, Aktivitäten, Produktionen der teilnehmenden Personen, Vereine, Firmen und Institutionen – dokumentiert. In einem gemeinsamen Fazit und Ausblick lassen sie verschiedene Etappen und Aspekte der Arbeit Revue passieren und richten den Blick auf die gesellschaftliche Gegenwart.

Mit: Jochen Gerz (Künstler), Dr. Söke Dinkla (Museumsdirektorin), Cihan Sert (Strategisches Management, Kreishandwerkerschaft Duisburg), Mohsen Yazdani (Praktikant), Guido Meincke (freier Kurator), Joachim Fischer (Europe Direct Duisburg).

„Europa ist ein Zufall mit einem griechischen Traum.“ Der Satz stammt von Jochen Gerz und ist am Lehmbruck Museum Duisburg zu lesen – irgendwo auf einem der 30 riesigen Glasfenster, die der Künstler für seine Installation THE WALK – keine Retrospektive mit einem autobiografischen Text beschriftet hat, der sein Leben mit acht Dekaden Zeitgeschichte verbindet. Immer wieder nimmt der Text dabei auch Bezug auf Europa – den Kontinent, die EU, die europäische Idee.

Noch bis zum 5. Mai kann der Text, der in großen roten Buchstaben auf der Fassade des Museums prangt, von einem Steg aus Gerüstbauteilen, der um das Haus herumführt, aus der Nähe betrachtet werden. THE WALK ist ein Weg – der des Künstlers wie des Besuchers – durch unruhige Zeiten: der Krieg, die „Steinzeit“ der Bundesrepublik Deutschland der 1950er Jahre, die Geburt der Zivilgesellschaft in den 1960ern, der Topos Erinnerung in den 1970ern, die technologischen Invasionen des täglichen Lebens, die Entdeckung der Nachhaltigkeit und die immer instabilere Perspektive Europas seit den 1980er und 1990er Jahren bis heute.

Auch an anderer Stelle hat sich Jochen Gerz mit Europa befasst, zuletzt in Bochum mit dem Platz des europäischen Versprechens. Über 27.000 Teilnehmer*innen aus der Stadt und vom gesamten Kontinent haben Europa ein persönliches Versprechen gegeben. Ihre Namen wurden in den Boden des Platzes vor der Christuskirche graviert. Der Platz ist ein Monument der Vielheit der Stimmen, mit der Europa heute spricht. Und auch THE WALK ist eine künstlerische Arbeit, die die Lebensgeschichte jedes Einzelnen in den Zusammenhang zeitgeschichtlicher Ereignisse stellt.

„Nürnberg ist die Hauptstadt Nachkriegseuropas,“ so steht es an der Wand geschrieben. Die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen hat nicht nur die deutsche, sondern auch die europäische Identität maßgeblich bis heute mitgeprägt. Als Friedensprojekt lässt der europäische Gedanke hoffen, dass man aus der Geschichte lernen kann. Andererseits gerät die Demokratie in jüngerer Zeit gerade auch unter den europäischen Staaten zunehmend unter Druck. Nationalistische Tendenzen und Fremdenfeindlichkeit finden als scheinbare Antworten auf „Sorgen“ der Bürger wieder Einlass in den öffentlichen Diskurs.

Jochen Gerz stellt den populistischen Strömungen das Prinzip der „öffentlichen Autorschaft“ gegenüber. Seine Arbeiten im öffentlichen Raum, die ihn seit Ende der 1980er Jahre aus dem Museum heraus auf die Straße geführt haben, können nur entstehen, wenn sich Menschen auf kreative Weise an ihnen beteiligen. Ebenso wie die Demokratie, die mit bloßen Zuschauern nicht langfristig überleben kann. Sie braucht Menschen, die einen Beitrag zum öffentlichen Leben leisten, die sich positionieren in der gesellschaftlichen Gegenwart. Und so verwundert es nicht, wenn die Finissage einer Ausstellung, die aus einem Text mit dem Titel „Contemporaneities“ (Zeitgenossenschaften) besteht, in die Diskussion eines tagesaktuellen Themas mündet: die bevorstehenden Europawahlen.

Im Anschluss an das gemeinsame Fazit und den Ausblick lädt das Museum zu Getränken und Snacks ein. Jochen Gerz signiert auf Wunsch die am 30. April im Verlag für Moderne Kunst erschienene Publikation zur Ausstellung, und es besteht die Möglichkeit, ein letztes Mal über den Steg zu gehen.

Bereits um 13 Uhr eröffnet die Kunstvermittlung die Ausstellung „CITY ATELIER. Alle Kunst ist Maß“, und den ganzen Tag gilt „pay what you want“.

Das Lehmbruck Museum dankt seinen Förderern für die Unterstützung der Ausstellung von Jochen Gerz: dem Landschaftsverband Rheinland (LVR), der Kulturstiftung der Länder, dem  Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, der Sparkasse Duisburg, der Kunststiftung NRW, den Wirtschaftsbetrieben Duisburg – AöR sowie der GEBAG Duisburger Baugesellschaft mbH. Eine Kooperation mit dem Bildungszentrum der Kreishandwerkerschaft Duisburg, der Rheinischen Post und der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ).

 

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Über LehmbruckMuseum

Das mitten in Duisburg gelegene Lehmbruck Museum ist ein Museum für Skulptur. Seine Sammlung moderner Plastiken von Künstlern wie Alberto Giacometti, Pablo Picasso, Hans Arp und natürlich Wilhelm Lehmbruck ist europaweit einzigartig. Beheimatet ist das Museum in einem eindrucksvollen Museumsbau inmitten eines Skulpturenparks, der zum Schlendern und Entdecken einlädt.

Namensgeber des Hauses ist der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck, der 1881 in Meiderich, heute ein Stadtteil von Duisburg, geboren wurde. Lehmbruck ist einer der bedeutendsten Bildhauer der Klassischen Moderne. Er hat mit seinem Werk maßgeblichen Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen und ist auch nach seinem frühen Freitod im Jahr 1919 bis heute einflussreich geblieben.