Jochen Gerz

THE WALK - keine Retrospektive

Pressekonferenz: Donnerstag, 20. September, 14.30 Uhr

Eröffnung: Sonntag, 23. September, 15 Uhr

Laufzeit: 23. September 2018 bis 5. Mai 2019

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Keine Retrospektive von Jochen Gerz veranstaltet das Lehmbruck Museum Duisburg ab 23. September 2018. Die Ausstellung ist keine Ausstellung und findet auch nicht im Museum statt: THE WALK, ein 100 Meter langer Weg, führt den Besucher an der ikonischen Glasfassade des Museums entlang. Hier ist ein Text zu lesen, der das Leben und das Werk des Künstlers mit acht Dekaden Zeitgeschichte verbindet. Ein Blick zurück, ein ungewöhnlicher Blick von außen auf das Museum, sein Wirken in die Stadt hinein, und ein Blick nach vorne: Richtung Zukunft von Kunst und Zivilgesellschaft. Der Text verwandelt das Museum in ein gigantisches Buch: Jede Scheibe der sieben Meter hohen Glasfassade wird zu einer Textspalte einer exemplarischen Erzählung. Die Biografie wird zum Verweis auf die Welt – und auf den Blick von draußen.

 

THE WALK ist Jochen Gerz` erste Museumsausstellung seit 15 Jahren. Gerz gehört zu den Künstlern, die seit Beginn der Moderne die museale Praxis kritisieren und sich dem kommerziellen Diktat des Kunstbetriebs entziehen. Der Ausstellung in Duisburg gingen zwei Jahre intensiver Diskussionen, Zweifel und Selbstzweifel voraus. Er sagt dazu: „Es ist immer die erste Ausstellung.“ Dem Werkverzeichnis nach ist es die 170ste Einzelausstellung des Künstlers. Die Einladung des Museums, eine Retrospektive auszurichten, wurde zum Auftrag für eine neue Arbeit im öffentlichen Raum. THE WALK ist keine Retrospektive. Kein einziges Werk wird im Original zu sehen sein. In Vorbereitung der Ausstellung entstand dafür der e_Catalogue Raisonné, der alle Arbeiten von Gerz jederzeit und überall online zugänglich macht.

„Jochen Gerz gehört ohne Zweifel zu den kommunikationsstärksten Künstlern unseres Landes“, so Sören Link, Oberbürgermeister der Stadt Duisburg, „auf intelligente und ebenso verblüffend einfache Weise verbindet er die „neuen“ digitalen mit den „alten“ analogen Medien und setzt sich wie kaum ein anderer Künstler für die demokratischen Grundrechte ein.“ „Es ist eine großartige Leistung“, so Kulturdezernent Thomas Krützberg, „dass ein wesentlicher Teil des Kunstwerks – die Fußnoten zu dem Text an der Fassade des Museums – in einer Auflage von 300.000 Stück als Beilage zu einer wichtigen Tageszeitung erscheint. Nicht nur für die Zeitung, sondern auch für das Lehmbruck Museum ist es eine große Chance, sich an eine so große Öffentlichkeit zu wenden.“ THE WALK thematisiert acht Dekaden Zeitgenossenschaft und verbindet persönliches Erleben mit Zeitgeschichte. Er beginnt mit dem Krieg. Ein Aspekt der Ausstellung sind Migration und Mobilität. Der Künstler und das Museum haben Menschen, die vor dem Krieg aus ihren Heimatländern geflüchtet sind, eingeladen, sich als Vermittlerinnen und Vermittler seiner künstlerischen Arbeit gegenüber dem Publikum des Museums zu engagieren. Für Museumsdirektorin Dr. Söke Dinkla und für das gesamte Team des Museums „ist es eine großartige Möglichkeit, mit jungen Menschen, die aus ihren Heimatländern fliehen mussten, in den nächsten Monaten zusammen zu arbeiten, so dass sie von uns und wir von ihnen lernen können. Die Arbeit hat schon begonnen und es ist eine große Bereicherung, unseren Beitrag für ein zukünftiges Miteinander leisten zu können.“

THE WALK ist ein Weg – der des Künstlers wie des Besuchers – durch unruhige Zeiten: Der Krieg, die „Steinzeit“ der Bundesrepublik Deutschland der 1950er Jahre, die Geburt der Zivilgesellschaft in den 1960ern, der Topos Erinnerung in den 1970ern, die technologischen Invasionen des täglichen Lebens, die Entdeckung der Nachhaltigkeit und die immer instabilere Perspektive Europas seit den 1980er und 1990er Jahren bis heute. Jemand erzählt sein Leben, ist der Autor dieser Geschichte und stellt zugleich die Frage: Wie erlebst du diese Zeit? Ist das deine Geschichte? Wie stellst du dir unsere Zukunft vor? Autorschaft bedeutet Zeitgenossenschaft. Wer sich selbst in der Welt sehen will, muss ihr Autor werden. THE WALK ist ein gemeinsamer Weg, auch wenn ihn jeder alleine geht.

Jochen Gerz (*1940) ist einer der konsequentesten, international heute präsenten Künstler seiner Generation. Seine Jugend hat er im Rheinland verbracht und hier die Grundlagen für einen ungewöhnlichen Weg vom literarischen zum künstlerischen Schaffen gelegt. THE WALK schließt den Kreis, der im Lehmbruck Museum 1975, ein Jahr vor der Teilnahme mit Joseph Beuys und Rainer Ruthenbeck im deutschen Pavillon an der 37. Biennale Venedig, mit der ersten Übersichtsschau seines Werks begann. Schon damals hat er sich mit der Institution des Museums auseinandergesetzt. Gerz hat immer den Auftrag der Kunst – auch der eigenen – hinterfragt.

Die Öffentlichkeit ist für den Deutschen, der seit 1958 im Ausland lebt, das Ergebnis sozialer Kreativität: das Werk von allen – und nicht nur der „happy few“ im Gegensatz zu denen, die konsumieren oder verwaltet werden. Folgerichtig hat er immer wieder den Weg auf die Straße gesucht. Die gesellschaftliche Rolle der Autorschaft ist das zentrale Motiv seiner Arbeit, in seinen Fotos/Texten, in den Performances und Installationen, in den seit Jahrzehnten international diskutierten Erinnerungsarbeiten (counter-monuments), bis hin zu den Autorenprojekten, an denen sich über die Jahre tausende Menschen in vielen Ländern beteiligt haben. Die „Emanzipation des Betrachters“ ist für Jochen Gerz keine Utopie, sondern eine Frage der Verantwortung von Kunst für die Demokratie.

Über den Künstler

Jochen Gerz wurde 1940 in Berlin geboren. Über vierzig Jahre lang lebte der international geschätzte deutsche Künstler in Paris. 2007 zog er nach Irland.

Jochen Gerz kam von der Literatur zur Kunst. Seit dem Ende der 1960er Jahre arbeitet er mit den neuen Medien. Nach den ersten Performances im öffentlichen Raum entstanden Fotos/Texte, Installationen, Performances und Videos in Galerien und Museen. In diese Periode fallen mehrere Documenta-Beiträge, die Teilnahme 1976 (mit Beuys und Ruthenbeck) an der 37. Biennale von Venedig im deutschen Pavillon und zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen und Retrospektiven in deutschen, europäischen und nordamerikanischen Museen. Seit Mitte der 1980er Jahre arbeitet er wieder (ab 2000 ausschließlich) im öffentlichen Raum an gesellschaftlichen Prozessen, die sich zum Teil in mehreren Jahren entwickeln. Im Zentrum dieser Arbeit steht die Öffentlichkeit selbst, ohne deren Teilnahme seine Kunst nicht mehr entstehen kann.

Gerz nennt das kreative Potenzial von Menschen, das nicht nur den individuellen Alltag, die Arbeit und Entwicklung des Einzelnen bewegt, sondern das ganze gesellschaftliche Zusammenspiel zum Ziel hat, „öffentliche Autorschaft“.

Jochen Gerz ist Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, und Honorarprofessor an der Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig.

Preise und Auszeichnungen (Auswahl): Rolandpreis für Kunst im öffentlichen Raum (1990); Deutscher Kritikerpreis, Berlin 1996; Ordre National du Mérite, Paris 1996; Peter Weiss-Preis, Bochum 1996; Grand Prix National des Arts Plastiques, Paris 1998; Preis der Helmut-Kraft-Stiftung, Stuttgart 1999; Artistic Contribution Award, Montréal 1999; Prix Evens, Paris 2002; Aus gegebenem Anlass, Hannover 2005; Sonderpreis der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft, Faktor Kunst, Bonn 2011.

 

www.jochengerz.eu

Arbeiten im Öffentlichen Raum (Auswahl)

Mahnmal gegen Faschismus, Hamburg-Harburg 1986–93

 

Das „Mahnmal gegen Faschismus“ (zusammen mit Esther Shalev-Gerz) war ein soziales Experiment mit ungewissem Ausgang: „Entweder das Denk-Mal ‚funktioniert‘, d.h. es wird durch die Initiative der Bevölkerung überflüssig gemacht, oder es bleibt bestehen als Denk-Mal des Nichtfunktionierens, (als) Menetekel.“ Von der 1986 im Hamburger Stadtteil Harburg installierten 12 Meter hohen bleiummantelten Säule ist seit 1993 neben einer Hinweistafel nur noch eine 1 m² große bleierne Bodenplatte, der Deckel der Säule, zu sehen. Das Mahnmal ist im Boden versenkt. Eine Fotosequenz dokumentiert den Prozess seines Verschwindens. Die Einladung zur Teilnahme lautete: „Wir laden die Bürger von Harburg und die Besucher der Stadt ein, ihren Namen hier unseren eigenen anzufügen. Es soll uns verpflichten, wachsam zu sein und zu bleiben. Je mehr Unterschriften der zwölf Meter hohe Stab aus Blei trägt, umso mehr von ihm wird in den Boden eingelassen. Solange, bis er nach unbestimmter Zeit restlos versenkt und die Stelle des Harburger Mahnmals gegen den Faschismus leer sein wird. Denn nichts kann auf Dauer an unserer Stelle sich gegen das Unrecht erheben.“

 

2146 Steine – Mahnmal gegen Rassismus, Saarbrücken 1990–93

 

Ab April 1990 wurden alle 66 jüdischen Gemeinden in Deutschland (und der vormaligen DDR) kontaktiert und eingeladen, die Namen der Friedhöfe, auf denen bis 1933 bestattet wurde, als einen Beitrag zu einem Mahnmal zur Verfügung zu stellen. Gemeinsam mit einer Gruppe von acht Studierenden der Hochschule für Bildende Künste Saar entfernte Gerz in nächtlichen Aktionen über ein Jahr lang Pflastersteine aus der Allee des Saarbrücker Schlossplatzes, die zum Sitz des regionalen Parlaments und der vormaligen NS-Gauleitung führte. Die entfernten Steine wurden durch Placebos ersetzt. Die Studierenden gravierten die Namen der jüdischen Friedhöfe, die von den Gemeinden kommuniziert wurden, in die Steine und setzten sie wieder dort ein auf dem Schlossplatz, wo sie entnommen worden waren. Die Steine wurden allerdings mit der Schrift nach unten so platziert, dass das Mahnmal unsichtbar blieb. Die Zahl der von den jüdischen Gemeinden in Deutschland genannten Friedhöfe wuchs bis Herbst 1992 auf 2146. Sie gab dem Mahnmal den Namen: „2146 Steine – Mahnmal gegen Rassismus Saarbrücken“. Der Saarbrücker Schlossplatz heißt heute Platz des Unsichtbaren Mahnmals.

 

 

Das Lebende Monument, Biron 1996

 

Der Auftrag des französischen Kultusministeriums war ungewöhnlich. Ein deutscher Künstler sollte das Denkmal für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs im Dorf Biron im Département Dordogne ersetzen, wo das Massaker der SS von 1944 noch in lebhafter Erinnerung war. Jochen Gerz ließ den Obelisk und die Tafeln mit den Namen der Gefallenen erneuern und stellte jedem Bewohner eine Frage, die unveröffentlicht blieb. Die 127 anonymen Antworten ließ er auf Emailschilder brennen und auf dem neuen Obelisk anbringen. Auch nach der Einweihung wuchs die Zahl der Schilder auf dem „lebenden Monument“. Neue und junge Einwohner beantworten die „geheime Frage“ und setzen den Dialog der Dorfbewohner mit ihrer Geschichte fort.

 

Das Berkeley Orakel – Fragen ohne Antwort, Berkeley 1997

 

„Das Berkeley Orakel“ ist eine Hommage an die Studentenbewegung, die 1968 von Berkeley auf viele europäische Zentren übergriff. „In Erinnerung an die Zeiten des Fragens und der Veränderungen sind Sie eingeladen, dem Berkeley Orakel Ihre dringenden, unvergessenen, neuen oder nie gefragten Fragen zu stellen.“ Dieser Aufruf wurde 1997 über das Internet gestellt, auf einer gemeinsamen Website des Berkeley Art Museums und des ZKM in Karlsruhe. Im Laufe von zwei Jahren gingen über 700 Fragen ein, aus denen Gerz etwa 40 auswählte und auf kleinen Tafeln in unterschiedlichen Bereichen im Berkeley Art Museum installieren ließ, im Ausstellungsraum, im Buchladen, in Treppenschächten, auf der Toilette u. a., um sie in Reflexionsorte und -momente zu verwandeln. Das Berkeley Orakel, das Antworten weder verspricht noch gibt, verlässt den Bereich der Politik und geht in den Raum der Philosophie und Kunst über.

 

Les mots de Paris, Paris 2000

 

Aus Anlass des neuen Millenniums realisierte Jochen Gerz für das französische Kulturministerium „Die Wörter von Paris“, eine Arbeit zur ebenso oft romantisierten wie tabuisierten Existenz der Obdachlosen. Waren sie früher als Clochards Gegenstand von Filmen, Gedichten, Chansons, sind sie heute als „SDF“ (sans domicile fixe) nicht nur aus der populären Kultur, sondern auch aus dem touristischen Zentrum der französischen Hauptstadt verbannt. Gerz stellte 12 Obdachlose als Teil des Kunstwerks für 6 Monate an und probte 3 Monate lang, zusammen mit Theaterleuten und Kunststudierenden, die Ausstellung der Obdachlosen auf dem meistbesuchten Platz von Paris, dem Vorplatz der Kathedrale Notre-Dame. In der ungewöhnlichen Ausstellung standen Pariser Passanten und Touristen aus aller Welt denen gegenüber, die unsichtbar geworden sind. Die Obdachlosen sprachen ohne Komplex von ihrem Leben „hinter dem Spiegel“ und fanden häufig ein überraschtes Publikum, das sich zögernd auf den Dialog über Armut, sozialen Ausschluss, aber auch über die Rolle der Kunst einließ.

 

Future Monument, Coventry 2004

 

Das „Zukunftsmonument“ ist die Antwort der Bewohner von Coventry auf eine oft traumatische Vergangenheit. Es handelt von Feinden, aus denen Freunde werden. 6000 Bürger leisteten einen Beitrag, mit einer öffentlichen und zugleich persönlichen Aussage, der Antwort auf die Frage: „Wer sind die Feinde von gestern?“ Die Stadt erinnerte ihre Zerstörung im Zweiten Weltkrieg durch die deutschen Luftangriffe auf Coventry. Zugleich entdeckte sie, wie viele Einwohner heute Migranten sind und was es bedeutet, Kolonie gewesen zu sein (England selbst steht an dritter Stelle). Auf acht Glasplatten im Boden vor dem gläsernen Obelisk sind die acht meistgenannten früheren Feinde verzeichnet: Unseren deutschen Freunden;  Unseren russischen Freunden; Unseren englischen Freunden; Unseren französischen Freunden; Unseren japanischen Freunden; Unseren türkischen Freunden; Unseren irischen Freunden.

 

Woherwohin, Bodenseefestival 2004

 

2004 war Jochen Gerz der erste bildende Künstler, der zum jährlich stattfindenden internationalen Bodenseefestival eingeladen wurde. „Woherwohin“ stellte zwei Fragen an die deutschen, österreichischen und schweizerischen Bewohner der Region: „Woher kommst du?“ und „Wohin willst du?“. Die Fragen wurden in regionalen Tageszeitungen abgedruckt. Eine Weltkarte verzeichnet tatsächliche und erträumte Migrationsbewegungen mit Herkunftsorten und Zielorten, die aus über 2000 Antworten zusammengestellt wurden.

 

Platz der Grundrechte, Karlsruhe 2005

 

Ausgangspunkt für den „Platz der Grundrechte“ war der Wunsch der Stadt Karlsruhe, die eigene Beziehung zum Recht als Standort zahlreicher nationaler, regionaler und städtischer Gerichte, vor allem des Bundesverfassungsgerichtes (BVG), zu thematisieren und sichtbar zu machen. Jochen Gerz stellte im ersten Teil der Arbeit der Präsidentin des BVG Jutta Limbach und anderen Juristen, aber auch prominenten Bürgern der Stadt Fragen über den Beitrag des Rechts zur Gesellschaft. Danach wandte er sich mit seinen Fragen an Bürger, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten und verurteilt worden waren. Sie beantworteten die Frage des Künstlers nach dem Unrecht. So entstanden zweimal 24 Aussagen. Je eine Antwort der beiden befragten Gruppen wurde auf die Vorder- und Rückseite eines Straßenschilds emailliert. Realisiert wurden insgesamt 24 Schilder mit 48 Aussagen zum Recht und Unrecht, jedes auf einen Metallpfosten montiert. Am 2. Oktober 2005 wurde der neue „Platz der Grundrechte“ zwischen Marktplatz und Schlossplatz in der Karlsruher Innenstadt eingeweiht. Eine zweite, dezentrale Version des Platzes ist an 24 von Bürgern ausgewählten Standorten über die Stadt verstreut.

 

Tausch der Tabus, Duisburg 2006

 

Als Beitrag zur Ausstellung „PubliCity“ stellte Jochen Gerz Vertretern der acht größten Glaubensgemeinschaften in Duisburg (Katholiken, Mormonen, Protestanten, Freimaurer, Juden, Moslems, Atheisten und Buddhisten) die Frage: „Wie lässt sich der Gegenstand Ihrer Suche beschreiben?“ Als anonyme Aussagen wurden die Antworten in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung und der taz NRW auf acht Seiten publiziert. Danach wurden sie in Glastafeln graviert und in lokalen Gebetshäusern installiert – jede Aussage an einem Ort einer anderen Glaubensrichtung. Nach dem Ende der Ausstellung stimmten die Gruppen zu, „Tausch der Tabus“ als permanente Installation zu erhalten.

 

2-3 Straßen. Eine Ausstellung in Städten des Ruhrgebiets, Duisburg, Dortmund, Mülheim, 2008–11

 

Im Rahmen der europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 lud Jochen Gerz Kreative aus Deutschland, Europa und Übersee ein, ein Jahr mietfrei im Ruhrgebiet zu leben. Die Städte Duisburg, Dortmund und Mülheim an der Ruhr stellten dafür in drei „normalen Straßen ohne Besonderheiten“ 58 sanierte Wohnungen für insgesamt 78 Teilnehmer zur Verfügung. Die Straßen lagen in Quartieren mit Leerstand, Migration und Arbeitslosigkeit. Ziel der einjährigen Ausstellung „2-3 Straßen“ war die Veränderung der betreffenden Straßen sowie die Veröffentlichung eines Buches, welches von 887 Autoren, den alten und neuen Bewohnern, aber auch den Besuchern der Arbeit in den Straßen gemeinsam in 16 Sprachen auf 3000 Seiten geschrieben wurde. Das Motto der Ausstellung lautete: „Wir schreiben... und am Ende wird meine Straße nicht mehr die gleiche sein.“ Die Arbeit endete nach einem Jahr am 31. Dezember 2010, doch die Hälfte der Teilnehmer von „2-3 Straßen“ am Dortmunder Borsigplatz entschied sich zusammenzubleiben und setzt seither die Arbeit in der Straße aus eigener Initiative unter dem Namen „Borsig11“ fort.

 

Platz des europäischen Versprechens, Bochum 2004–15

 

Ebenfalls als Teil der europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 entstand seit 2004 im Auftrag der Stadt Bochum der „Platz des europäischen Versprechens“. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Rathaus im Zentrum der Stadt. Die Teilnehmer waren eingeladen, sich und Europa ein persönliches Versprechen zu geben, das unveröffentlicht bleibt. Anstelle der Versprechen füllen Namen aus ganz Europa den Platz vor der Christuskirche, von der nur der Turm mit dem überraschenden Mosaik der 28 „Feindstaaten Deutschlands“ von 1931 (England, Frankreich, USA, Polen, Russland, China, ...) den Krieg überstand. Insgesamt 14.726 Namen konnte der „Platz des europäischen Versprechens“ aufnehmen, bis er elf Jahre nach Beginn der Arbeit am 11. Dezember 2015 der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Förderer

Die Ausstellung wurde erst mit der großzügigen Unterstützung wichtiger Förderer möglich: dem Landschaftsverband Rheinland (LVR), der Kulturstiftung der Länder, dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, der Sparkasse Duisburg, der Kunststiftung NRW, den Wirtschaftsbetrieben Duisburg sowie der GEBAG Duisburger Baugesellschaft mbH.

Milena Karabaic, Dezernentin für Kultur und Landschaftliche Kulturpflege im Landschaftsverband Rheinland (LVR) 

Der international renommierte Künstler Jochen Gerz hat prägende Jahre seiner Jugend im Rheinland verbracht. Mit seiner neuesten und spektakulären Arbeit THE WALK widmet er dieser Region eine Hommage an eine der schönsten Museumsarchitekturen unseres Landes, dem Lehmbruck Museum. Wagemutige und uns alle herausfordernde Projekte wie dieses zu fördern, gehört zu den besonders wichtigen Aufgaben des Landschaftsverbands Rheinland.

Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen

Jochen Gerz' ‚gigantisches Buch‘ auf der gläsernen Fassade des Lehmbruck Museums ist ein Werk, das den Rahmen des Üblichen sprengt: Die mit der Geschichte des Künstlers aufgeladene Installation macht ein öffentliches Statement aus dem Persönlichen. Sie tauscht Innen- und Außenperspektive und lenkt so den Blick auf das Museale - konzeptuelle Kniffe, die typisch sind für den scharfsinnigen Denker Gerz. Ich wünsche dem Lehmbruck Museum viele Besucherinnen und Besucher für dieses außergewöhnliche Ausstellungsprojekt.

Prof. Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder

THE WALK des weltweit agierenden Künstlers Jochen Gerz nimmt eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben unseres Landes in den Blick. Gerz lädt Menschen, die aus Krisenregionen geflüchtet sind, ein, sich im alltäglichen Betrieb des Museums beruflich zu qualifizieren. Die Kooperation mit dem Bildungszentrum Handwerk Duisburg, die langfristig angelegt ist, hat das Potential, sich zu einem wegweisenden Modellvorhaben zu entwickeln.

 

Dr. Ursula Sinnreich, Generalsekretärin der Kunststiftung NRW

Der Kunststiftung NRW ist es eine große Freude, dass Jochen Gerz das Lehmbruck Museum zum Ausgangsort eines künstlerischen Experiments macht, das in das kollektive Herz der Gegenwart trifft.  Für ihn, der die Teilung der Welt in Künstler und Betrachter als eine „Gefährdung der  Demokratie“ betrachtet, ist  THE WALK nicht nur keine Ausstellung, sondern ein zivilgesellschaftliches Projekt, das die Grenzen der Institution wie die des institutionalisierten Verhaltens sprengt. Die Kunststiftung NRW  unterstützt mit Nachdruck diese künstlerische Haltung, die seit Jahrzehnten konsequent zu einer kollektiven Beteiligung aller an der Gestaltung des Lebens auffordert.

Dr. Joachim Bonn, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Duisburg

Jochen Gerz wird auch damit verbunden, dass im Zentrum seiner Arbeit die Suche nach einer Kunstform als Beitrag zur res publica und zur Demokratie steht. Wenn wir seinen Beitrag in diesem Museum als solchen verstehen, kann man diese Arbeit im aktuellen Kontext nur als wichtiger denn je bezeichnen. Insofern bin ich glücklich darüber, dass sich die Sparkasse Duisburg früh für die Unterstützung des Projektes entschieden hat.

Das Lehmbruck Museum dankt den genannten Institutionen für ihr Engagement, mit dem unter Beweis gestellt wird, wie sehr die Förderer mit der Arbeit des Museums verbunden sind und diese wertschätzen.

Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Bildungszentrum Handwerk in Duisburg, der Rheinischen Post und der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung.

Rahmenprogramm

Hier können Sie das Begleitprogramm zu "Jochen Gerz: THE WALK - keine Retrospektive" als pdf-Dokument downloaden:

Abbildungen

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Über LehmbruckMuseum

In einem der reizvollsten Museumsbauten der Nachkriegszeit präsentiert das LehmbruckMuseum eine einzigartige Sammlung moderner Skulptur. Ausgehend vom Werk Lehmbrucks begegnen sich hier Primitivismus und Kubismus, Abstraktion und Expressionismus, Konstruktivismus und Minimalismus – in Werken von Picasso, Barlach, Brancusi, Dali, Magritte, Beuys oder Serra. Zudem verfügt das Museum über Deutschlands bedeutendste Giacometti-Werkgruppe. Wegweisende Wechselausstellungen und Veranstaltungen sowie die überregional beachtete Kunstvermittlung ergänzen die Sammlung und machen das Haus zu einem Ort der Kommunikation zwischen Mensch und Kunst.