Ausstellungsprogramm 2020

Der Mensch steht 2020 im Zentrum unseres Programms. Ob fantasievoll und dem Alltag entrückt wie im Werk des Briten Lynn Chadwick oder in seiner unverwechselbaren Normalitat im Werk des großen deutschen Bildhauers Stephan Balkenhol.

 

Zu Beginn des neuen Ausstellungsjahres erwartet Sie die erste umfassende museale Retrospektive Lynn Chadwicks, der zu den innovativsten Bildhauern seiner Zeit gehört. Seine freundlich-abgründigen „Biester“, die regelrecht ikonisch geworden sind, verwandeln die Räume des Museums in eine eigene Welt abseits unserer Realitat.

 

Ein besonderer Höhepunkt ist die Verleihung des Wilhelm-Lehmbruck-Preises, die uns in diesem Jahr erwartet. Der unserem Namenspatron gewidmete Preis gehört zu den international renommiertesten Auszeichnungen für Bildhauer*innen.

 

Der Herbst steht ganz im Zeichen der unerschöpflichen Kreativitat Stephan Balkenhols: Seine prägnanten Figuren, namenlose Männer und Frauen, aber auch Tiere und Objekte, formieren sich zu einem eigenen Kosmos.

Zum Jahresende hin wird die Glashalle zu einem Resonanzkörper für ungewohnte Klänge. Nevin Aladağ, die sich mit ihren spektakulären Performances auf der documenta 14 und der Biennale in Venedig 2017 einen festen Platz in der Kunstwelt erobert hat, produziert neue Werke für die Reihe „Sculpture 21st“.

Lynn Chadwick: Biester der Zeit

29. Februar bis 20. September 2020 (verlängert)

Pressekonferenz: Donnerstag, 27. Februar, 11 Uhr

Eröffnung: 29. Februar, 16 Uhr

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Mit gerade einmal 41 Jahren gewinnt Lynn Chadwick 1956 als jüngster Bildhauer der Nachkriegszeit den Internationalen Preis für Skulptur auf der 28. Biennale in Venedig. Diese Auszeichnung überrascht, gelten doch Germaine Richier, César und Alberto Giacometti in diesem Jahr als Favoriten. Chadwick hingegen ist zu diesem Zeitpunkt ein relativer Newcomer in der Kunstszene. Dass die Wahl auf Chadwick und nicht auf Giacometti oder Richier fällt, zeigt, dass seine Werke in besonderer Weise den Nerv der Zeit treffen. Seine ausdrucksstarken Kreaturen verbildlichen die für diese Zeit prägende Mischung aus utopischer Fortschrittshoffnung und existentieller Angst aufgrund der traumatischen Kriegserfahrungen.

Chadwick entwickelt als Autodidakt eine ganz eigene Formensprache, die sich aus der Reflexion von Architektur und Natur speist. Seine hybriden Kreaturen setzen sich aus menschlichen, tierischen und architektonischen Elementen zusammen. Häufig arbeitet er über Jahrzehnte hinweg an seinen Werkgruppen. So entstehen bis 1990 über 100 Variationen der "Biester".

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Eine wichtige Rolle spielt für den Künstler der Entstehungsprozess der Skulpturen. Chadwick, der zunächst als technischer Zeichner und Designer gearbeitet hat, modelliert seine Formen nicht in Gips oder Ton, sondern schweißt zunächst ein Gerüst aus Metallstangen. Dieses wird dann mit Stolit (einer Mischung aus Gips und pulverisiertem Eisen) ausgefüllt und die so entstandene Figur in Bronze gegossen. Chadwicks Zeichnungen auf Papier entstehen hingegen immer erst im Nachhinein. Sie basieren zwar motivisch auf seinen plastischen Arbeiten, haben aber keinen vorbereitenden Charakter. Stattdessen dienen sie dem Künstler zur Überprüfung der skulpturalen Formensprache, aber auch als Dokumentation. Im Unterschied zu den Skulpturen ist die Darstellung von Körpern und Gesichtern weniger abstrahiert.

 

Ein einzigartiges Gesamtkunstwerk hinterlässt der Künstler mit Lypiatt Park, wo er 45 Jahre lebte und arbeitete. Im dort entstandenen Skulpturenpark finden Chadwicks Werke eine ideale Umgebung. Häufig sind die Figuren vor dem Horizont oder einer Steinwand platziert, um ihre Konturen hervorzuheben. In der sorgfältigen Positionierung der Werke zeigt sich einmal mehr Chadwicks besonderes Gespür für gebaute Konstruktion und organische Formen gleichermaßen.

 

Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen.

 

Mit Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, der Kunststiftung NRW, der Sparkasse Duisburg, der Henry Moore Foundation und der Stadt Duisburg im Rahmen der Duisburger Akzente. In Kooperation mit dem Haus am Waldsee, Berlin, und dem Georg Kolbe Museum, Berlin.

Jiři Tichý

29. Februar bis 20. September 2020 (verlängert)

Pressekonferenz: Donnerstag, 27. Februar, 11 Uhr

Eröffnung: Samstag, 29. Februar, 16 Uhr

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Jiři Tichýs gewebte Fantasien sind bildgewaltig und überwältigend in ihrer Monumentalitat. Der tschechische Künstler hat seine Werke nicht am Stück gewebt, sondern in verschiedenen Partien, die er schließlich zusammenfügte. Dafur arbeitete er an einem eigens konstruierten Hochwebstuhl manchmal Monate, manchmal Jahre lang an einem einzelnen Werk. Die Resultate sind nicht Tapisserien im herkömmlichen Sinne, denn sie geben Flächigkeit und Rechtwinkligkeit auf. Oft sind sie kaum mehr als ein loser Zusammenhang eines Gewebes, von Lücken und Löchern durchsetzt, mit eingearbeiteten Fundstücken versehen. Sie formen sich zu spielerischen Konturen mit reliefhaften, plastischen Oberflächen, die Tichý ausdrucksstark strukturiert und rhythmisiert hat.

Seine Arbeiten verbinden traditionelle Volkskunst, mythologische Motive, die Farbigkeit und Ausdruckskraft des Expressionismus, die Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit surrealistischer Kunst und nicht zuletzt die Ornamentik des Jugendstils und Bauhauses. Tichýs Werke sind figürlich, abstrakt und ornamental zugleich.

Jiří Tichý ist in öffentlichen und privaten Institutionen und Sammlungen in mehreren Ländern Europas, in Japan und Indien, in Kanada und in den Vereinigten Staaten von Amerika vertreten. Er zählt zu den Gründervätern der Neuen Textilkunst seit 1960, die die weitere Entwicklung dieser Kunstbewegung seit dem Beginn der „Biennale internationale de la tapisserie“ in Lausanne im Jahre 1962 geprägt haben.

Mit freundlicher Förderung von Herrn Dr. Otmar Franz.

Stephan Balkenhol

22. Oktober 2020 bis 28. Februar 2021

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Kaum einem anderen zeitgenössischen Bildhauer ist es gelungen, so prägnante und unverwechselbare plastische Werke zu schaffen, wie dem deutschen Künstler Stephan Balkenhol (*1957). Seine ikonischen Figuren eines Mannes mit weißem Hemd und schwarzer Hose haben ihn weit über Deutschland hinaus bekannt gemacht. Als Bildhauer im klassischen Sinn arbeitet er mit Klöpfel und Beitel, Säge und Messer seine Skulpturen und Reliefs aus zum Teil riesigen Holzstämmen heraus. Handwerkliche Arbeitsspuren und Materialeigenschaften werden nicht verleugnet, sondern machen den besonderen Reiz seiner Skulpturen aus. In auffälliger Opposition zu seinem Lehrer Ulrich Rückriem ist sein Thema seit über 30 Jahren die menschliche Figur. An diese aber legt er selbst formulierte hohe Ansprüche: „Ich will alles auf einmal: Sinnlichkeit, Ausdruck, aber nicht zu viel, Lebendigkeit, aber keine oberflächliche Geschwätzigkeit, Momentanität, aber keine Anekdote, Witz, aber keinen Kalauer, Selbstironie, aber keinen Zynismus. Und in erster Linie eine schöne, stille, viel- und nichtssagende Figur.“ (Stephan Balkenhol, 2004)

Diesem wichtigen Bildhauer widmet das Lehmbruck Museum im Herbst eine umfassende Werkschau, die in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entsteht. Eigens für das Lehmbruck Museum entstandene Werke, zahlreiche Zeichnungen und Gipsmodelle bieten Einblicke in seinen Schaffensprozess und seine künstlerische Ideenwelt. Die Ausstellung zeigt durch Balkenhols bildhauerische Virtuosität und seine kompetent eingesetzte Kenntnis der Kulturgeschichte sowie seine offenkundige Beobachtungsgabe einen faszinierenden Blick auf den Menschen jenseits der verbalen Sprache.

Begleitend zur Ausstellung wird ein Katalog bei Schirmer/Mosel erscheinen.

Mit Unterstützung der NATIONAL-BANK AG und des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.

Sculpture 21st: Nevin Aladağ

Auf Mai 2021 verschoben.

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Nevin Aladağ gehört aktuell zu den gefragtesten deutschen Künstlerinnen. Sie ist eingeladen, ihre neuesten Arbeiten zum ersten Mal im Lehmbruck Museum in der Reihe „Sculpture 21st“ zu präsentieren. Humorvoll und hintergründig sucht sie das utopische Potenzial im Alltag, um es dann frei nach Duchamps in ihre künstlerische Realität zu überführen. „Beim Arbeiten überlege ich immer: Was wäre, wenn die Dinge wirklich so wären, wie ich sie mir ausmale?“, fragt Nevin Aladağ. „Und wäre diese Utopie dann eine denkbare Version eines weiteren Alltags?“ Als Katalysator nutzt sie kulturelle Praktiken wie die Musik oder verschiedene visuelle Muster, die sie in ihren stofflichen Werken verarbeitet, um über geistige und geografische Grenzen hinweg zusammenzubringen, was scheinbar nicht zusammenpasst.

Aladağs künstlerische Praxis ist von einem breiten medialen ästhetischen Spektrum geprägt. Als Bildhauerin modelliert sie nicht mit klassischen Materialien, sondern verknüpft ihre Arbeiten mit Metaphern und Geschichten. Dieser besondere materialästhetische Blick kennzeichnet sowohl ihre Performances als auch ihre Objekte und Rauminstallationen. Dabei überschreiten die Werke formale und funktionelle Einordnungen und bewegen sich ohne theoretische Überfrachtung durch historische, kulturelle und politische Diskurse. Aladağs künstlerische Herangehensweise spricht einen der Kernpunkte des Potenzials von zeitgenössischer gesellschaftsrelevanter Skulptur an, die im Lehmbruck Museum in der programmatischen Reihe „Sculpture 21st“ untersucht wird.

Die Künstlerin konzipiert für die ikonische Glashalle im Lehmbruck Museum eine Installation mit ihren zwei neuen Arbeiten mit den Titeln Resonator Percussion und Resonator Wind, die erstmals in Deutschland zu sehen sein und diese in den öffentlichen Raum geöffnete, transparente Architektur zur Bühne machen werden. Nevin Aladağs neueste polyphone Skulpturen sind phantastische und gesampelte Musikinstrumente. Diese skulpturalen Collagen werden aus verschiedenen Instrumenten bzw. Mundstücken von Instrumenten zusammengebaut. Musikerinnen oder Musiker können parallel die vielgestaltigen Instrumente spielen.

Die 1972 in Van in der Türkei geborene, deutsche Künstlerin Nevin Aladağ wuchs in Stuttgart auf und studierte von 1993 bis 2000 Bildhauerei bei Olaf Metzel an der Akademie der Bildenden Künste in München. Bekannt wurde Aladağ vor allem 2017 durch ihre Teilnahme an der 57. Biennale von Venedig sowie an der documenta 14 in Athen und Kassel. Ihr „Musikzimmer“ am documenta-Standort Athen erhielt große mediale Aufmerksamkeit. Dort hatte sie alte Möbel von Musikinstrumentenbauern zu benutzbaren Saiten- und Schlaginstrumenten umbauen und von professionellen Musi­kern bespielen lassen. Sie ist momentan eine der innovativs­ten deutschen Künstlerinnen mit Einzelausstellungen in der Kunst­halle Basel oder 2019 im San Francisco Museum of Modern Art.

Die Präsentation von Nevin Aladağ im Rahmen von „Sculpture 21st“ wird von der Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank West gefördert.

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Über LehmbruckMuseum

Das mitten in Duisburg gelegene Lehmbruck Museum ist ein Museum für Skulptur. Seine Sammlung moderner Plastiken von Künstlern wie Alberto Giacometti, Pablo Picasso, Hans Arp und natürlich Wilhelm Lehmbruck ist europaweit einzigartig. Beheimatet ist das Museum in einem eindrucksvollen Museumsbau inmitten eines Skulpturenparks, der zum Schlendern und Entdecken einlädt.

Namensgeber des Hauses ist der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck, der 1881 in Meiderich, heute ein Stadtteil von Duisburg, geboren wurde. Lehmbruck ist einer der bedeutendsten Bildhauer der Klassischen Moderne. Er hat mit seinem Werk maßgeblichen Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen und ist auch nach seinem frühen Freitod im Jahr 1919 bis heute einflussreich geblieben.